Offener Raum

Aktualisiert: Aug 20

Guten Morgen,


mein Aufwachen hört sich an, als wäre ich auf einem Bauernhof. Überall höre ich die Glocken der weit entfernten Schafe, ich höre das Miauen einer Katze und hie und da dringt das Muhen von Kühen dazwischen. Sonst … ist es ruhig. Das ist genau das, was ich an unserem Haus so liebe. Das ist das, wozu andere wegfahren. Um die Idylle der etwas abgelegenen Natur zu erfahren. Und da ist sie wieder – die Dankbarkeit.

Wo ist sie denn sonst? Wo versteckt sie sich? Zwischen Abfahrt und Ankunft der täglichen Besorgungen und Verpflichtungen? Zwischen Bauabschnitten und Anstrengungen, um aus diesem alten Gasthaus mit Geschichte einen Riesen-Palast für 7 Menschen zu gestalten? 400 m2 RAUM – 400 m2 Möglichkeiten. Wow – wenn ich so darüber nachdenke, fühlt es sich gleich besser an und ich staune … DAS ist ein Geschenk. Das – unser Haus – dürfte es eigentlich gar nicht geben. Ein Haus, welches Raum bietet für uns und unsere Kinder, Haustiere, unsere musikalischen Aktivitäten, wo man ungestört laut und ausgelassen sein kann, ohne die Nachbarn zu stören. Dieses Haus – unser Lebenshaus gibt es. Und wir dürfen es gestalten. Nach unseren Vorstellungen. Schon klar, dass sich 400 m2 nicht auf einmal umbauen lassen, aber es wird. Ein weiteres Gefühl erkenne ich auf meiner Reise - UNGEDULD.

Ein Feind der Dankbarkeit ist die UNGEDULD. Wer legt fest, wann es fertig sein soll? Wer legt denn fest, wieviel Zeit nötig ist, um langfristige Entscheidungen wie definitive Raumaufteilung, neue Wände, neue Nutzung vom alten Gemäuer zu treffen. Und wer darf dies in Frage stellen. Wohl nur der, der in dem Haus lebt und mit den Gegebenheiten zurechtkommen muss bzw. sich wohlfühlen muss.


In unserem Lebenshaus ist es ähnlich. Viele Entscheidungen werden sofort im Außen verurteilt, kritisiert, weitererzählt, als wäre es das Schlimmste, was je auf Gottes Erdboden passieren konnte. Meistens von Leuten, die in ihrem geordneten Leben mit weithin akzeptierter Art ihr Einkommen zu erwirtschaften und ihrem Sauber-Häuschen einen Lebensstil leben, der ja völlig in Ordnung und sogar erstrebenswert ist. Fragen wie … Willst Du mal heiraten? Willst Du Kinder? Ach mehr als 2? Das ist ja nicht normal… Willst du arbeiten? Warum bleibst Du zuhause? Du hast ja Kinder, Du musst ja zuhause bleiben…und so weiter.

Jedesmal, wenn wir durch solche Fragen gelöchert werden, werden in unserem Lebenhaus Türen aufgestoßen, die eigentlich zu bleiben müssten. Wenn ich in meinem Lebenshaus Entscheidungen treffe – ob sie dem Besucher gefallen oder nicht – sollten diese zumindest akzeptiert werden.

Ein Grund, warum ich mich auf meiner Reise zu mir selbst bewusst von Social Media distanziere, ist genau dieser. Das Aufzwingen von Entscheidungen, das Überschütten mit Argumenten – (wenn ich nur lange genug darüber rede oder berichte, werden sie ja wohl mitziehen) und die stetige Kritik, wenn man seine eigenen Entscheidungen trifft ist etwas, das mir in der letzten Zeit immer mehr geschadet hat. Ist es möglich, dass Menschen mit ihrer eigenen Entscheidung nebeneinander in Frieden leben? Was geschieht in den Menschen, die sich durch andere Menschen mit einer vielleicht nicht so gängigen Meinung angegriffen fühlen? Es gibt unzählige Diskussionen und überall wird versucht mit Argumenten und Studien, eigenen Erfahrungsberichten und vor allem mit Angst- und Panikmache den anderen mit der eigenen Überzeugung zu „erschlagen“. Fühle ich mich bedroht, wenn jemand eine eigene Meinung hat? Nein, ich freue mich, dass es noch Menschen mit Rückgrat gibt. Fühlen sich Menschen oft von mir bedroht? Ja, auch diese Erfahrung habe ich schon gemacht. Die Menschen argumentieren, als würde ich ihnen ihren Lebensstil absprechen, aberkennen, dass sie so leben wollen. Das ist nicht meine Absicht. Ich habe mir nur zu manchen Themen überlegt, wie ich leben will und vor allem nicht leben will. Allein dieses für etwas stehen, bedroht andere. Das finde ich sehr schade und auch sehr anstrengend.

Unser Lebenshaus hatte – als wir eingezogen sind – eine teils unlogische und andererseits für uns eine unbrauchbare Aufteilung. Viele Wände mussten fallen. An anderen Stellen bemerkten wir, dass es AbGRENZungEN benötigt.

Wie in unserem eigenen Leben auch, stellen die persönlichen Grenzen etwas dar, was in früheren Jahren ebenso gelebt wurde – aus Nachahmung, Notwendigkeit, Gelerntem … die aber nach weiteren Erfahrungen, anderen Wegbegleitern abgetragen, versetzt oder erweitert werden müssen.

Eindrucksvoll lerne ich über unsere persönlichen Grenzen, Kompromisse und die Folgen, wenn beständig über Grenzen getrampelt wird, während ich in unserem alten Haus sitze und den Schutt abtrage.

Auch in unserem eigenen Leben braucht es oft die Zeit, wo Grenzen jäh abgerissen werden, wo im Schutt des Lebens oft die Anteile zu bergen sind, aus dem weiter gebaut werden kann. – Mit denen ich an anderer Stelle wieder eine sinnvolle Grenze erbauen kann.

Der Mensch als komplexes Wesen wird und kann sich nicht in einem von außen vorgegebenen Tempo verändern. Auch hier braucht es Zeit – nämlich sein eigenes Lebenstempo. Wenn ich auf der Lebensautobahn zu schnell unterwegs bin, wird möglicherweise ein Unfall passieren, ich werde die Ausfahrt verpassen oder ich übersehe die schöne Gegend, an der ich vorüberfahre. Wie heißt es so schön, „der Weg ist das Ziel“.

Urlaub … die Seele baumeln lassen – was für ein herrliches Wort.

Das ist mein Ziel für heute. Geschwindigkeit herausnehmen, dankbar sein für den bis jetzt gegangenen Weg, Grenzen erspüren und wahrnehmen, die Augen noch einmal schließen und den entfernten Glocken der Schafe lauschen.



In diesem Sinne


Alles Liebe


Eure Katrin

50 Ansichten0 Kommentare