Lebens-LÜGEN

Aktualisiert: Okt 1

Das vierte Thema dieser Blogreihe beschäftigt sich mit den kleinen oder großen Lebenslügen, die wir nur allzu gern in unserem Nachtkästchen einschließen und nicht herausrücken wollen.

Wie so oft im Leben verbirgt sich dahinter entweder Scham, Angst oder ein diffuses Minderwertigkeitsgefühl. Was sollen denn die Leute denken? Was werden sie über mich reden? Das sind die Fragen, die wir uns unbewusst stellen, wenn wir die Geheimnisse in unserem Leben einfach ignorieren. Dies passiert zweierlei. Entweder wir belügen uns selbst oder wir belügen andere. Ich höre dich jetzt förmlich: „Niemals, ich lüge nicht!“ oder „Neben den gängigen Notlügen bin ich eigentlich ganz ehrlich!“ Aber ist es wirklich so? Ich möchte dieses Thema ganz eng fassen. Wie oft antwortest Du mit „Gut“, wenn man dich fragt, wie es Dir geht und Du eigentlich den Schnabel voll hast und Du am liebsten schreien würdest? Wie oft sagst Du „Ja, gern“ auf eine Einladung, obwohl Du lieber zuhause in Ruhe den Abend verbringen würdest? Und wie oft verharrst Du still in einem Gespräch und wirkst interessiert, obwohl Dich die Gesprächsthemen deines Gegenübers sogar ziemlich langweilen?

Ich hatte in meinem Leben eine Zeit, die ich „echt werden“ nannte. Ich achtete sehr genau, in welchen Situationen ich eine positive Antwort gab, obwohl ich eine negative in mir fühlte. Diese Zeit war für mich absolut augenöffnend, denn auch ich hatte über mich eine Meinung, die nicht immer der Realität entsprach. Natürlich überschütte ich nicht jeden, der mich nach meinem Befinden fragt, mit der ganzen Geschichte, aber ich muss nicht mit „gut“ antworten, wenn dem nicht so ist.

Was ist in Beziehungen, mit dem Job oder unserem Gesundheitszustand? Wohlgemerkt geht es nicht darum, vor allem bei Fremden „Seelenstriptease“ zu betreiben. Aber wo bin ich mit mir selber ganz ehrlich? Wo merke ich, dass es nicht mehr geht und handle danach?

Mir ging es in meinem alten Job sehr früh so. Bereits nach drei Monaten nach meinem Fachhochschulabschluss ertappte ich mich dabei, zu denken, „War es das jetzt etwa“? Ich hatte vier Jahre meines Lebens in ein Hochschulstudium investiert, das mich Nächte und Nerven kostete und dann sollte ich nach drei Monaten nach Dienstbeginn solche Gedanken haben? Es dauerte noch gut 14(!) Jahre bis ich so weit war und vor allem das ganze Bild sehen konnte, dass ich hier einfach nicht richtig war. Hätte ich damals schon auf mein Gefühl gehört, wer weiß, wo ich dann gelandet wäre!

„Echt zu werden“ kostet aber auch. Und nicht zu selten Freunde oder Familie. Wenn meine Mutter mit meinem Vater unterwegs war, kam es nicht selten vor, dass ein Bekannter in eine Gasse abbog, um meinen Vater nicht begrüßen zu müssen. Warum? Weil mein Vater vor allem eines war, grundehrlich. Manchmal sogar so ehrlich, dass er andere damit verletzte. Die Leute (und auch wir selber) hören die Wahrheit oft nicht gern und zwar deswegen, weil es eine Entscheidung, ein Handeln und Veränderung für uns bedeutet. Sich einzugestehen, dass man einer Sucht verfallen, in Schulden gerutscht oder sich in einer Beziehung fremdverliebt hat, kann einem den Boden unter den Füßen wegziehen, aber schlussendlich ist das der Weg, aus dem Schlamassel wieder herauszukommen. Solange ich die unbequeme Wahrheit vor mir selber verleugne, wird sich auch nichts ändern.


Lebenslügen sind aber auch wie Kaugummi am Schuh… sie bleiben haften und auch wenn in Familien manche Geheimnisse wie ein wertvoller Schatz gehütet werden, drängen sie nach und nach nach oben. Sie gehen einfach nicht weg, nur weil man sich die angenehme Lüge so lange vorkaut, bis man sie selber glaubt.

Tragisch wird es dann, wenn ich für mein Fehlverhalten – sei es durch Ignoranz oder ausgeprägtem Egoismus – die Sicht auf die Realität verliere, wenn ich für jedes Gefühl in mir – vor allem für die schlechten – jemand anderen verantwortlich machen muss, damit ich mich besser fühle. Durch dieses Verhalten werden ganze Familien zerrissen, Beziehungen zerstört oder Kollegen gemobbt. In manchen Familien gibt es Familiengeheimnisse. Und obwohl niemand offen darüber spricht, fühlen doch alle irgendwie, dass irgendetwas nicht stimmt. Auch hier kann der Weg zur Heilung über Offenheit und die Wahrheit passieren. Zugegeben, dafür brauchen wir Mut, denn niemand stellt sich gern einer unangenehmen Wahrheit. Ich vergleiche es gern mit einer Verletzung und einem Pflaster. Erst wenn ich die Wunde reinige und den Stachel oder die Verunreinigung entferne, es desinfiziere, kann die Wunde heilen – ganz egal, ob mir das gefällt oder nicht. Traumata werden aufgearbeitet, in dem man mit Unterstützung eines Therapeuten ein Stück weit zum Schmerz zurückgeht und wieder Kontrolle über seine Gefühlswelt erlangt. Und es ist keine Schwäche, sondern eine Stärke, sich Hilfe zu suchen. Vor allem für unsere Eltern und Großeltern war es undenkbar, den Weg zu Therapeuten zu finden, denn, sie fühlten sich sofort irgendwie „krank“ oder „verrückt“! „Ver-rückt“ zu sein bedeutet eigentlich aber nur, nicht mehr ganz in der Mitte zu sein, etwas aus dem Fokus verloren zu haben. Solange man das wieder grade rücken kann, ist doch noch nichts verloren!

Eine meiner langjährigen Lügen, die ich geglaubt habe, war, ich wäre unsportlich. Ein ungünstiger Zustand hatte dazu geführt, dass ich mir mit 16 Jahren genau das abgespeichert hatte und immer, wenn es in diese Richtung ging, hatte ich eine „gute“ Ausrede. Wie „gut“ sie wirklich war, sei dahingestellt, aber ich hatte eine. Und auch das ist ein Grund, warum viele Menschen in ihren „Lügen“ bleiben, weil sie davon in irgendeiner Weise profitieren. Einerseits mögen sie vielleicht Aufmerksamkeit bekommen, andererseits spricht es sich oft einfach leichter über Probleme als über ihre Lösungen.

Letztendlich bleibt die Art und Weise, wie Du mit Deinen Lebenslügen oder unangenehmen Wahrheiten umgehst, dir selbst überlassen. Aber es lohnt sich immer, einmal genauer hinzuschauen.




In diesem Sinne


Be a voice, not an echo!


Eure Katrin

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