Ich lieb mich - Ich lieb mich nicht

Die letzten Tage war es so, dass ich meine Gedanken hauptsächlich niedergeschrieben habe, weil ich für mich jeden Tag dokumentieren wollte, was denn so in meinem Kopf vorgeht. Heute ist es so, dass es mich richtig drängt, zu schreiben. Ein Gedanke kreist in meinem Kopf, wie ein Adler über seinem Opfer:

Wie viel Leid auf der Welt wäre zu verhindern, wenn sich jeder seines Wertes und seines Auftrages bewusst wäre? Wenn man nicht immer zum anderen hinlinsen würde und mit dem, wer und was man ist, zufrieden sein könnte? Ich denke da konkret an Eltern und ihre Kinder… wie viele Kinder werden in den Lebenstraum der Eltern hineingezwungen, wie viele Jugendliche müssen die Komplexe und Selbstzweifel der Eltern ausgleichen, wieviel Böswilligkeit und Entwertung bekommen junge Erwachsene ab, nur weil die Eltern nie gelernt haben, sich selbst zu lieben oder anzunehmen.

Dasselbe gilt für Ehen, wieviel Verletzung geschieht, weil sich Männer oder Frauen nicht geliebt und wertgeschätzt fühlen und immer wieder nach neuerlicher Bestätigung suchen. Wie viele Menschen werden im Job gemobbt, ausgegrenzt und abserviert, weil es jemanden gibt, der besser dastehen, mehr Lob und Anerkennung einheimsen möchte als der Kollege ungeachtet der fachlichen Kompetenz. Wie viele Krankenstände und auch dauerhafte Berufsunfähigkeiten resultieren daraus.


Und alles nur … weil … sich die Menschen ihres Wertes nicht bewusst sind? Ist die Antwort wirklich so einfach? Diese Plage ist viel schlimmer als irgendein Virus oder eine Pandemie und doch bleibt die Behebung dieses Problems hauptsächlich den Psychotherapeuten, Psychologen, Fachärzten und Beratern vorbehalten. Es scheint, als würden die, die im Staat wirklich etwas zu sagen haben, die eigene Motivation, die Persönlichkeitsbildung und die ethische Ausrichtung einfach außen vor lassen. Es wird nur das gelehrt und gefordert, was uns weiterbringt. Aber wer ist „uns“? Und was bringt uns wirklich weiter? Vor allem in einer Demokratie? Unzählige Kinder wachsen zu unsicheren Erwachsenen heran und entwerten ihrerseits wieder ihre Kinder – aus Selbsthass und einer Selbstkritik heraus. Das müsste so nicht sein. Jeder Mensch sehnt sich von allem Anfang an nach Liebe, Schutz und Geborgenheit. Als Kleinkind ist die Sache noch relativ einfach. Wenn Kinder so klein sind, auf Füttern und Wickeln und Gehalten werden angewiesen sind, dann kann man dies noch relativ einfach geben.

Wie sieht es aber aus, wenn die Kinder in die Trotz-Phase kommen? Wie, wenn sie mündige Erwachsene werden wollen? Wie sieht es aus, wenn sie die Werte der Familie in Frage stellen? Oder wenn sie eigene Werte in die Familie bringen wollen? Wo sind die Maßstäbe anzulegen und wieviel Führung, aber auch Freiheit und Vertrauen brauchen die Kinder, um gesund erwachsen werden zu können. Das Problem das sich daraus ergibt, ist, dass die Kindheit nicht einfach abgestreift werden kann, wie eine Schlangenhaut. Nein, wir nehmen in erster Linie uns selber mit ins Erwachsenwerden und die Prägung, die wir bekommen haben, bleibt an uns haften. Wie viele Dinge tun wir unhinterfragt? Wie viele Dogmen verteidigen wir – einfach, weil wir sie jahrelang gehört haben. Eine echte und ehrliche Auseinandersetzung mit uns selbst ist das, was uns helfen kann, alte Muster und alte Verhaltensweisen abzustreifen. Ein Zeichen dafür, dass uns etwas an uns selber stört, ist es, wenn wir andere für etwas kritisieren. Oder wir ertragen nicht, wenn jemand etwas hat, das wir nicht haben. Auch dann sparen wir nicht mit Kritik. Wir sind geschickt darin, uns selber zu täuschen, weil wir die Wahrheit über uns nicht wirklich gerne hören wollen.

Kinder und Jugendliche treiben uns oft an unsere eigenen Grenzen – Dinge, vor denen wir Angst haben, Wahrheiten, die in der Familie verheimlicht wurden, Regeln, die wir haben, aber niemand weiß, warum. Es ist ein Vorrecht, von jemandem zu lernen, der noch einen „frischen Geist“ hat, jemand, der uns aus unserer Komfortzone holt. Oder sie werden uns so ähnlich, dass wir uns mit einer jüngeren Version von uns selbst auseinandersetzen müssen. Wir können uns immer entscheiden, wie wir darauf reagieren wollen. Gehen wir mit aller Macht und Konsequenz dagegen, entscheiden wir uns auch gegen den Teil unseres inneren Kindes, das vielleicht durch die Begegnung mit einer früheren Version von uns wieder heilen kann und wir verlieren das Vertrauen unserer Kinder. Ignorieren wir die Rufe nach Aufmerksamkeit, durch die unsere Kinder die Bestätigung wollen, gehört zu sein, - wohlgemerkt geht es dabei nicht darum, alles zu erlauben oder zu ermöglichen - so verschließen wir uns der Möglichkeit, dazuzulernen und … wir verlieren das Vertrauen unserer Kinder. Nehmen wir unsere Kinder ernst und besprechen ihre Anregungen, Wünsche, Schwierigkeiten mit ihnen in Liebe und Respekt, so wachsen wir selbst, selbst wenn wir nicht immer einer Meinung sind. Wir lernen unsere Kinder besser kennen und knüpfen ein Band, das die Zeit der Kindheit überdauert und ihnen ein Stück Stabilität fürs Leben gibt.


Wenn ich mich selber nicht lieben kann, habe ich auch Probleme andere zu lieben.

Wenn ich mich selber nicht annehmen oder ernst nehmen kann, habe ich auch Probleme, andere an- oder ernst zu nehmen. Wenn ich an meinen Fähigkeiten zweifle, zweifle ich auch an den Fähigkeiten anderer… usw.

Dieser Kreis wird erst durchbrochen, wenn ich für mich selbst eine Entscheidung treffe, nämlich mich anzunehmen, mit meinen schönen oder eben nicht so schönen Seiten. Mit meinen Kämpfen, Ungerechtigkeiten, Wutanfällen, meiner Art mich auszudrücken, zu verurteilen oder zu kritisieren. Was nicht heißt, so bleiben zu müssen. Wenn ich mir bewusst bin, wo ich Hilfe brauche, dann kann ich mir Hilfe suchen, mich beraten lassen, Fachliteratur lesen oder auch mich mit Menschen austauschen, die mit denselben Dingen kämpfen. Und ich kann Stück für Stück wachsen. Etwas möchte ich noch betonen: Die Bedürfnisse, die wir Menschen in uns tragen, wie zB der Wunsch nach Annahme, Geliebtsein, Geborgenheit, Nähe, Intimität, Gebrauchtwerden usw. sind nicht verwerflich. Sie sind uns angeboren, typisch menschlich und verlangen nach Erfüllung. Das, was für das Gegenüber verletzend, entwürdigend und zerstörend wirkt, ist oft die Art und Weise, wie die Befriedigung dieser Bedürfnisse eingefordert wird.


Natürlich lässt sich das Thema dieses Blogcasts auch auf andere Familienmitglieder, Freunde, Bekannte oder die eigenen Eltern umlegen. Was mich auf die Palme bringt, was mich so stört, dass ich zerplatzen könnte, könnte eventuell seinen Ursprung in mir selber haben. Es lohnt sich, einmal tiefer zu blicken.



In diesem Sinne


Be a voice, not an echo!


Eure Katrin