Erdenkind

Aktualisiert: Sept 4

Meine Kinder sind immer wieder gerne zu ihrer Oma zum Spielen gegangen. Eines der Highlights in ihrem Garten war ein Beet, welches hauptsächlich für Gewürze vorgesehen war. Nachdem nicht alles voll bepflanzt war, gab es darin Bereiche, in denen die Erde wunderbar zugänglich war. Neben dem Carport stand eine Regentonne. Et voila … die Kombination aus Erde und Wasser war das, womit sich meine Kinder stundenlang beschäftigen konnten. Es wurde gekocht, gebacken, alles mit dieser „Creme“ beschmiert, auch die kleinen Kinderhände wurden als Erden-Abdrücke auf dem Kinderhaus verewigt.

Was für meine Kinder eine total entspannende und zeitlose Erfahrung war, konnte meine Mutter fast in den Wahnsinn treiben. Meine Kinder liebten es auch, sich an Regentagen komplett mit Matsch einzureiben. Ich erinnere mich an eine Begebenheit, es hatte geregnet und vor unserer damaligen Bleibe hatte sich eine riesengroße Pfütze gebildet. Meine Kinder waren auch diesmal sofort zur Stelle und nach kurzer Zeit konnte man die Badehose an den Kindern nicht mehr sehen. Bis zum Hals hatten sie sich eingerieben. Was mich erheiterte, war, dass an diesem Platz viele Fußgänger und Radfahrer vorbeikamen und die Kinder schon aus der Ferne beim Spielen beobachteten. Was hätte ich dafür gegeben, nur kurz in ihren Gedanken zu lesen. Spannenderweise sah ich an allen Passanten dieses verschmitzte Lächeln, so als wären sie für einen Moment in die Vergangenheit gereist.

Wir Großen kennen das Gefühl eher vom „sauberen“ Sand. Auch da tauchen wir gern unsere Hände ein und gestalten und modellieren.

Wenn es darum geht, resilient zu sein, aus Krisen wieder heraus zu steigen, dann kommt man nicht umhin, die Hände in die Erde, in den Schutt der Vergangenheit zu stecken und nach neuem Leben zu schürfen. Dieses Ganzkörpergefühl „Leben“, im Moment sein, gestalten, das ist eine Eigenschaft, die Kinder wirklich wunderbar beherrschen. Ich darf lernen, dass ich genauso – aus schwierigen Strecken meines Lebens – neue wunderbare Elemente bauen darf. Vielleicht sieht es für diejenigen von außen aus als würde ich einen riesengroßen „Dreck“ machen – aber was solls. Es ist mein Leben. Es ist meine Vergangenheit und daraus wird meine Zukunft.


Es gibt schon viele Künstler, die aus Abfall richtige Kunstwerke errichtet haben. Auch das ist eine Charaktereigenschaft von „Warriors“- das Auge zu haben, dass in dem Zerbruch des Kampfes auch Schönheit und eine neue Kunst, zu leben liegt. Anpacken muss ich selbst. Mich durchwühlen durch die Erde und den Schmutz, ja auch das muss ich selbst. Aber ich darf etwas Neues, noch nie da gewesenes erschaffen. Das muss nun kein großes Gebilde sein, dass mitten am Hauptplatz von vielen Menschen bewundert wird. Es kann eine neue Art sein, mit Menschen umzugehen. Eine neue Einsicht, die mir hilft, mit schwierigen Abschnitten in meinem Leben umzugehen. Ein mutiges „Nein“, wenn ich erkenne, dass ich viel zu oft „Ja“ sagte, ohne es eigentlich zu meinen. Oder eine neue Richtung, in die ich mich orientieren möchte.


Kämpfer erobern neues Land. Oder oft erobern sie das alte zurück. Auch darum kann es gehen, das, was du bereits wusstest, wovon du aber irgendwie abgekommen bist, wieder zu entdecken. Eine alte Liebe oder Leidenschaft wieder aufleben zu lassen. Ein altes Hobby wieder aufzunehmen. Eine alte Freundschaft wieder zu aktivieren. Auch wenn Dinge passiert sind, die sich wie Matsch auf alles legen, ich darf hinschauen und alles abwaschen, um wieder klar sehen zu können und dann zu entscheiden, was ich damit machen möchte, was ich behalten oder verwerfen möchte.


Ich wünsche Dir für heute, dass Du dich traust, deine Hände in die Erde zu stecken, die Kälte und Nässe zu spüren und keine Angst vor dem Schmutz zu haben. Sei Kämpfer, Gestalter, Künstler.


In diesem Sinne,


be a voice, not an echo!


Eure Katrin

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