Angst-frei

Aktualisiert: Sept 4

Jeder kennt die Szenen im Film, wo jemand gefesselt und gefoltert wird. Schon beim Zusehen bekommen wir ein beklemmendes Gefühl. Heute geht es mir so. Über die letzten zwei Wochen sind wieder Dinge passiert, die weit über das normale Maß an Stress hinausgehen, wo man die Böswilligkeit und die Ignoranz von Menschen hautnah erlebt hat. Im Normalfall macht dieses vor der eigenen Tür Halt und man bleibt in den eigenen vier Wänden geschützt. Was aber, wenn Menschen in Deinen persönlichsten Bereich vordringen? Wenn Du Dich in Deiner Welt nicht mehr sicher fühlst. Menschen, die einen Einbruch in ihr Haus erlebt haben, beschreiben es ähnlich. Sie haben dann Angst, dort zu sein, wo sie sich normalerweise wohl fühlen.


ANGST – seit jeher Schutz- und Überlebensmechanismus ist natürlich zu einem Teil wichtig und gut. Zum anderen Teil, wenn sie uns lähmt, und uns handlungsunfähig macht, hat sie eine sehr starke Wirkung, die unsere Kraft schwächt, unsere Wahrnehmung einschränkt und unser Vorankommen blockiert. Damit möchte ich mich heute auseinandersetzen. Kennst Du Ängste? Bist du jemand, der sie „ganz gut im Griff“ hat? Fürchtest Du um Deine Gesundheit, Deine Kinder oder gar um deine Existenz?

Meine Familie mütterlicherseits war seit jeher immer ängstlich. Mein Vater war eher auf der „vernünftigen“ und vorausschauenden Seite. In diesem Spannungsfeld bin ich aufgewachsen. Ich verdiente mein eigenes Geld –ich war im Alter von 25 Jahren Diplomingenieurin für Medizintechnik – und hatte noch keine großen Verbindlichkeiten. Mein Vater war immer sehr bedacht darauf, mir einen gesunden Umgang mit Geld beizubringen. Das führte auch dazu, dass ich mich auf meinen „ordentlichen“ Job konzentrierte, der mir jedoch schon nach kurzer Zeit leer und sinnlos vorkam. Ich meine, die Medizintechnik per se ist für mich nach wie vor – auch wenn ich nicht mehr in diesem Feld arbeite, eine geniale, spannende Sache. Ich bewundere Menschen dafür, Geräte zu entwickeln, die die Lebensqualität von Menschen in hohem Maße erhöhen, Leben retten oder komplizierte Operationstechniken ermöglichen. In meiner fast 15jährigen Tätigkeit als Medizintechnikerin habe ich auch viele Kurse gehalten und mich somit mit diesem Thema immer wieder aufs Neue beschäftigt. Warum habe ich mich trotzdem irgendwann in meinem Job leer gefühlt? Aber ich war trotzdem zu ängstlich „Nägel mit Köpfen“ zu machen. „Du brauchst einen sicheren Job“, haben sie gesagt. „Du bist jetzt alleinerziehend“, haben sie gesagt. „Du hast so eine tolle Ausbildung“, „Du musst Verantwortung übernehmen!“ usw. Ich hörte viele Argumente, die ich früher vielleicht sogar selbst ausgesprochen hätte, um meine Position zu rechtfertigen. Mein Körper hat es damals schneller kapiert als mein Verstand und so wurde ich krank. Irgendwann war die Angst davor, ewig am falschen Platz zu sein größer als die Angst vor der Kündigung. Und zu diesem Zeitpunkt bin ich gesprungen! Dann erst konnte ich mich nach dem orientieren, wo meine Stärken liegen, wobei ich mich eben nicht leer und fehl am Platz fühlte. Auf meiner Suche mit knapp 40! kam ich an folgenden zwei Säulen vorbei.

Da ist zuerst mal die Musik. Seit ich denken kann, wollte ich Sängerin sein und oft haben mir gerade diese Gedanken Angst gemacht. Muss ich wählen? Kann ich nur eines von beiden tun? Die Musik und/oder einen anderen „normalen“ Job? Ich hatte jedoch lange Angst, zu meiner Musik zu stehen und sie auszuleben, überhaupt zu mir als Künstlerin zu stehen, denn in mir waren Fragen, nämlich „Bin ich nur eine von vielen? Was, wenn ich nicht gut genug bin? Das war eigentlich der Knackpunkt. Nicht mein Können beschränkte mich, sondern meine Angst. Die Angst hielt mich davon ab, einfach zu sein, mich auszuprobieren, die Musik mit mir eins werden zu lassen und daraus zu schöpfen.

Die zweite Schiene, die mich vor meinem Studium schon interessierte, war der Bereich der Sozialen Arbeit. Es hatte sich damals aber zeitmäßig nicht mehr gefügt und so kam ich erst in der Ausbildung zum Psychosozialen Berater in den Genuss zu entdecken, dass ich gerade in diesem Bereich immer wieder – wenn auch nicht im Kontext der Arbeit – Menschen auf ihrem Weg begleitet und beraten habe und mir dies große Freude bereitet hat. Wenn ich heute die Zeit Revue passieren lasse, dann vermisse ich keinen einzigen Tag in meinem alten Job, aber ich bin dankbar für die Erkenntnisse und die langjährige Erfahrung in einem großen Betrieb, die ich natürlich weiterverwenden und für mich nutzen kann. Heute bin ich froh, dass ich das Leben, was ich mir vorstelle Schritt für Schritt umsetzen darf. Natürlich ist nicht immer alles rosig und vor allem Corona hat, was die Live-Auftritte betrifft, ordentlich mitgemischt. Trotzdem war nicht alles negativ! Manches hat eine andere Gewichtung bekommen und so konnte sich mein Mann in Bezug auf Ton- aber auch Videotechnik und Live-Streams das Equipment und ein wunderbares Fachwissen aneignen, was uns für unsere Belange wieder dient. Mein Horizont ist weiter geworden. Mein Mangeldenken hat sich mindestens halbiert. Mir ist heute bewusst, wo ich mir selber im Weg stehe und welche Anteile – vielleicht weiß ich auch noch nicht alle – ich zum Glücklichsein in der Arbeit brauche. Gott sei Dank habe ich einen Partner, der mir in vielen Punkten genau das ergänzt, was ich nicht sein kann. Mit seinen Gaben ausfüllt, was uns und unserer Musik erst den speziellen Charakter gibt. Der, wenn mich die Muse küsst, quasi auf Zuruf in 5 Minuten sein Tonstudio anwirft und ich einfach nur losspielen muss. Und wenn ich mich in meinen anderen Bereichen engagiere, für „unsere“ Kinder da ist.


Ich habe auch heute noch manchmal Angst, aber die Fesseln sind schon beinahe abgefallen. Wenn ich dieses mulmige Gefühl in mir trage, weil sich Welt in diese Richtung entwickelt, dann darf ich mich zumindest in meine Berufung stürzen. Ich darf zurückblicken, auf den Weg, den ich schon bis heute zurückgelegt habe und ich darf alles, was und wer ich bin heute bin, einbringen.

Ich wünsche Dir, dass Du es schaffst, über den Tellerrand der Angst zu blicken, dich frei zu strampeln und ebenso zu entdecken, was dich ausmacht, dich glücklich macht und dir Sinn gibt.



In diesem Sinne


Be a voice, not an echo!


Eure Katrin

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